17
08

So war das Benicàssim 2008

Alte Herren und Lieblingszyniker [25.07.2008]


Jose Gonzales auf dem FIB

Traurig aber wahr: es ist auch beim besten Willen ein Ding der Unmöglichkeit auf einem Festival alles Sehenswerte mitzubekommen und nichts zu verpassen. Besonders kompliziert wird das bei Veranstaltungen der Superlative wie dem Festival International De Benicàssim, bei denen sich schon An- und Abreise als Chaostrips entpuppen und die Rückfahrt nach Barcelona gerne einmal zur ganztägigen Odyssee wird. Trotz allem: Wo ein Wille ist, ist bekanntermaßen auch ein Weg und den fanden zum vierzehnten mal wieder rund 35.000 Festivalhopper aus Europa und dem Rest der Welt um für bis zu neun Tage Festivalwahnsinn in den ruralen Vorort Valencias pilgern und dort an der Mittelmeerküste die Quintessenz eines jeden Sommernachtstraumes zu erleben.


Über 100 Acts auf drei Bühnen, 90.000 Quadratmeter Festivalgelände, Sandstrand und mehr Sonne als jedem Mitteleuropäer lieb ist.


Auf der Flucht vor der Hitze wird hier vor allem die Nachtaktivität groß geschrieben und das Timetable erstreckt sich im Gegensatz zum deutschen Standard bis in den Morgen hinein. Anschließend gilt es dann nur noch einen Schlafplatz zu finden, denn eins ist beim Benicàssim gewiss: im Zelt ist es bei rund 40° nicht auszuhalten. So werden im Laufe der Tage jegliche Schattenflecken zu begehrten Ruheorten und das belüftete Aufenthaltszelt mausert sich nach und nach zu einem einzigen Mosaik schlafender Menschen. Eindrücke, die einen bis in die Träume verfolgen gibt es auch genug und einer davon war bestimmt die aufwühlende Melancholie, die die Isländer Sigur Rós am ersten Abend über das Festivalgelände verbreiteten. Das Anliegen der Band, keine vorgefertigten Stories in die Köpfe ihrer Zuhörer zu pressen, sondern individuelle Gedanken anzuregen, schien einmal mehr glänzend zu funktionieren und das Publikum schwebte nur so zu den wuchtigen Phantasieklängen der zum Streichinstrument verwilderten Gitarre von Frontman Jónsi.

Ähnlich avantgarde und ebenso schwer zu kategorisieren waren am Donnerstag auch Battles aus New York. Die progressiv-wahnwitzigen und kryptischen Instrumentalraves nahmen demnach auch den zeitgleich auf der Mainstage performanden These New Puritans ihr Zepter aus der Hand und zogen die Leute so von deren Bühne, dass Frontman J.B. seinen Auftritt im Silberleibchen sogar zehn Minuten früher als angedacht beendete.

Festivaltag zwei hatte seinen ersten Höhepunkt mit den Babyshambles. Dem Gefühl nach versammelte sich ganz England zum Sonnenuntergang für Pete Doherty, der dort mittlerweile ungefähr wie ein neuer Bob Dylan gehandelt wird. Mit elf Songs, darunter vier Libertines-Klassikern und einem großartigen "Fuck Forever"-Finale sprengten die Shambles in neuer Besetzung jegliche Erwartungen, waren unglaublich tight und gut. Auch wenn die musikalische Leistung ein wenig zu Lasten der Authentizität und dem sonst so ausgeprägten Geständnis zum Kapputtsein fiel, schien in diesem Moment der Union Jack einzig und allein für "Billy Bilo", wie sich der 29-jährige Doherty mittlerweile zu nennen pflegt, zu wehen. Nach fünfzigminütiger Show waren Herzen gebrochen und O-Töne wie "I love this funkin' guy more than my own mother" machten die Runde. Heiß geliebt waren auch einmal mehr die Festival-Dauerburner und Supernerds Hot Chip. Mit einem einstündigen Lauf durch ihr komplettes Programm sprengten sie die Zeltbühne regelrecht und setzen der genialen Show mit ihrem Prince-Cover "Nothing Compares 2 U" am Ende noch die Krone auf. Enttäuschend war dem entgegen das nächtliche Finish mit dem fünf Oktaven umfassenden Stimmwunder Mika. Was vielleicht als ironisch-lustige Idee für ein kredibles Musikfesitval angedacht war, entpuppte sich leider schon nach wenigen Songs als zu trashig, schrill und schlichtweg nervtötend.

... weiterlesen: [1] [2]



Text: Julian Stetter
Bookmark Netselektor Bookmark Mr. Wong Bookmark Yigg Bookmark Linkarena Bookmark Del.ico.us Bookmark Digg Bookmark Yahoo Bookmark Google Bookmark Blogmarks Bookmark Technorati
kommentierenKommentieren    druckenDrucken

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.
... das Live-Portal von Festival-Guide Logo

Suche



Tickets


Festivals bei Ticketmaster

Newsletter

Bescheidwissen über alles, was live ist!

Gig-Guide TV


Im Pop-Up öffnen
Anzeige