So war der Amsterdam Dance Event
Tanz an der Kanalkante [02.11.2009]
Richie Hawtin auf dem ADE
Die Marienstatue an der Wand blickt mit ausgebreiteten Armen auf die Rumbude zu ihren Füßen. Im Handbecken für das Weihwasser lehnt sich eine grüne Bierflasche an ein halbvolles Cocktailglas. Petrus, der an der Wand des Raucherbereichs nicht den besten Platz hat, scheint die Nase zu rümpfen beim Anblick und Geruch der Qualmenden, die sich vor dem Beichstuhl versammelt haben. Und was machen eigentlich die fünf kichernden IM Beichtstuhl? Aber auch die Frage hat sich für einen kurzen Moment erübrigt, als Jesus um 23 Uhr endlich die Bühne betritt. Mit wehendem Haar stellt er sich hinter den Altar und übernimmt die darauf aufgebauten Turntables…
Man muss schon ziemlich liberal eingestellt sein, um den Network Bash des Amsterdam Dance Event ohne Blasphemie-Empfinden zu überstehen. Denn die inoffizielle Opening Party findet traditionell in der Location De Duif statt, eine ökumenisch genutzte und sehr schmucke Kirche an der Prinsengracht, die hier für vier Stunden zum Laufsteg, Sündenpfuhl und zur Live-Location wird, in der dann auch mal Jesus-Epigonen wie Tommie Sunshine den Altar rocken dürfen.
Der ADE ist nicht nur das vielleicht relevanteste Clubfestival in Sachen elektronischer Musik, er ist zugleich ein wichtiger Branchentermin, bei dem sich die europäische Club- und Technoszene versammelt, um – ähnlich wie bei c/o pop und Co. – den Status Quo der Branche zu sezieren, in Panels und Vorträgen die Zukunft derselbigen anzugehen, oder sich einfach zu meeten und zu greeten. Festivalbesucher können – ähnlich wie bei Events wie dem Reeperbahn-Festival – entweder ein Band für das ganze Wochenende kaufen oder sich einzelne Veranstaltungen rauspicken. Dank der Anwesenheit der versammelten Branche versucht natürlich auch das Festival-Line-up, nicht nur die großen Nummern zu bringen, sondern auch die Acts, die der neue „Hot Shit“ werden sollen. Dabei lebt der ADE nicht nur vom Line-up sondern maßgeblich auch von der Stadt Amsterdam, die mit ihrem heimeligen, grachtenschnuckeligen Charme auf der einen Seite und der exzesslegendenbehafteten Clubszene auf der anderen Seite eine ideale Spielfläche für einen Tanz an der Kanalkante ist. Deshalb sollte die obersten Prämisse auch sein: Zwischen den Beaträuschen, immer auch mal Amsterdam-Atmo tanken – und am besten die Zwischenwege zu Fuß zurücklegen. Weil’s so schön ist, und weil’s einen so schön runterbringt.
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Text: Daniel Koch

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